AVATAR – Aufbruch ins quietschbunte Pandora

Man entschuldige mir bitte die Anmaßung, mich heute als Filmkritiker zu versuchen, jedoch habe ich im Moment tiefstes Verlangen der Avatar Fan-Opposition, scheinbar nur bestehend aus Dr. Borstel, den Rücken zu stärken.

Wie der Großteil der Kinobesucher wurde ich schlussendlich von den unzähligen Lobeshymnen zum vermeintlichen Monumentalfilm überredet, mir selbst ein 3D Bild vom Cameron’schen Planeten Pandora zu machen. Voller Erwartung lief ich ins nächste Kino, setzte nervös die 3D Brille auf, naschte von meinem Popcorn und war von der 3-dimensionalen Grinsekatze im Alice im Wunderland Trailer schier begeistert. Endlich gings los. Unendliche Tiefen und brilliante Schärfe brachte mich zum Staunen und derart realitätsnahe Animationen von Feuer, Wasser, Haaren etc. durfte ich sowieso noch nie zuvor erleben. Schnelle Verfolgungsszenen und Farbexplosionen, bunte quirlige Fantasywesen und eine knallig leuchtende Flora ließen mich knapp an einem epileptischen Anfall vorbei schrammen – aber mir gefiels…vorerst.

Ihr kennt sicherlich das Kartoffel Chips Phänomen. Exotische Geschmacksrichtungen wie „Cheeseburger-Flavour“ oder „Roasted-Chicken-In-Curry-Raspberry-Sauce-Flavour“ sorgen jedes mal für einen Wow Effekt am Gaumen. Nach dem 3. oder 4. Griff in die Chipstüte erinnert aber jeder Bissen an ordinäre Salzscheibchen, wie eben klassische Chips schmecken. Genau so empfand ich den Effektereigen im Kino. Nach einer gewissen Zeit gewöhnte ich mich an das heitere Blitzen, Flackern und aus-dem-Bildschirm-Hüpfen. Auch die bahnbrechenden Computerleistungen sah ich bald als Standard, wie eben ein klassischer Film auszusehen hat, an. (Ich will in keinster Weise überheblich klingen, aber nach 30min. war mein Auge konditioniert.) Einzig das Warten auf die nächste skurrile Kreatur ließ mich wie ein Kind in einer IMAX Vorstellung von „Die Welt der Dinos“ auf die Leinwand starren.

Somit reduzierte sich für mich der Film auf die Story, die an alle Ecken und Enden an 100 weitere Movies erinnerte und den Tiefgang einer Luftmatratze hatte. En gros zog ich im Minutentakt Parallelen zum Erobererschinken „The New World“ aus 2005 mit Colin Farell. mylifeinreverse und der itsmagicblog nahmen sich einer detaillierten Inhaltsangabe an. Im Prinzip ist der Zinober aber in 15 durchaus bekannten, Punkten erklärt:

  • Mann, vorzugsweise Soldat, infiltriert im Auftrag eines dämonischen, vernarbten und muskelbepackten Kommandanten das feindliche Gebiet
  • Mann wird im Feindesgebiet vom Gegner / Eingeborenen aufgegriffen und zum Stammesobersten gebracht.
  • Mann wird vom Tode verschont, da er spezielle Überredenskünste oder tolle Aura hat oder sich einfach nur dumm stellt.
  • Mann lebt von nun an mit dem Stamm, erlernt deren Lebensweise und erkennt deren unschuldige Friedfertigkeit
  • Mann verliebt sich in die Tochter des Stammeshäuptlings
  • Mann verfeindet sich mit jenem Eingeborenen, dem die Häuptlingstochter versprochen war
  • Bösewichte (denen der Mann einst angehörte) fallen in das Dorf / Zentrum ein.
  • Mann gesteht, dass das Böse nur durch seine Mithilfe einfallen konnte
  • Geliebte ist enttäuscht und läuft davon
  • Spätestens jetzt kommt ein Satz mit: „…aber ich habe mich geändert!“
  • Mann wird zwar verbannt, hilft dennoch zum Stamm und stellt sich gegen seinen früheren Kommandanten
  • Mann überzeugt durch sensationelle Heldentat und wird wieder vom Stamm, einschließlich Nebenbuhler akzeptiert
  • Großer Showdown mit dem Kommandanten, wo der eine oder andere Nebendarsteller sein Leben lässt
  • Mann rettet das Dorf / die Welt / das Universum
  • Mann lebt für alle Ewigkeit mit seiner Gelibten im geretteten Stamm / Dorf / etc.

Ein Plot also, der auf viele weitere Filme der diversesten Genres zutrifft. Man muss leider betonen, dass die erzählte Geschichte im jahrelangen Entwicklungsprozess des Blockbusters auf der Strecke blieb. Und darüber tröstet der aktuell brisante Unterton des Naturschutzes nicht hinweg. Dieser wird nämlich weniger mit einem Paukenschlag, sondern mehr mit einem lauen Fingerschnipser verkündet. Nüchtern betrachtet, verlangt der Film dem Seher ein wohl trainiertes Sitzfleisch ab. Bei einer Länge von gut 160 min. kann der eigene Hintern schon mal farblich dem des Avatar gleichen!

Mit Sicherheit wird der Film Oscars, Golden Globes, goldene Palmen, und sonstige vergoldete Objekte einheimsen. Jedoch meine ich, sollte sich man einmal die Frage stellen, ab wann es einem Regisseur gelungen ist, sich ein Denkmal zu setzten.

Wird es zukünftig von großer Kunst zeugen, hunderte Millionen von Dollar in die grafische Aufbereitung von X-Mal verwursteten Storylines zu pumpen, um die Zuseher auf den Stühlen zu halten oder wird das Können eines Regisseurs an der einzigartigen Erzählweise und unvorhersehbaren, noch nie dagewesenen Wendungen gemessen? Klar das theatralische Zusammenspiel von Gut und Böse ist älter als das Kolosseum und lässt sich nicht neu erfinden. Aber mit ein bisschen mehr kreativem Denken abseits der Filmkulissen wäre dem fast 3 Stunden Epos mehr gedient. Wahrscheinlich wird die Free TV Premiere in 2D der 50. Wiederholung von Columbo bei mir weichen müssen….

6 Responses to “AVATAR – Aufbruch ins quietschbunte Pandora”


  1. 1 Dr. Borstel 04/01/2010 um 18:02

    Unterstützung ist immer gerne gesehen.😉 „Avatar“ ist natürlich nicht der erste und mit Sicherheit nicht der erste Blockbuster, der Zwecks Befriedigung des weniger anspruchsvollen Publikums eher auf optische Reize setzt als auf inhaltliche Tiefe. Offensichtlich funktioniert es ja; was soll man auch dagegen sagen. Wenn dann aber genau derselbe geistlose Müll, für den B-Movie-Größen wie Uwe Boll seit Jahren vom Feuilleton in der Luft zerrisen werden, dann plötzlich von aller Welt in den Himmel gelobt wird und sogar als bester Film für den Golden Globe nominiert wird (der sich damit für mich entgültig als ernstzunehmender Filmpreis disqualifiziert hat), nur weil das Inhaltsvakuum auf einmal mit Brille gesehen werden muss, kann ja wohl irgendetwas nicht ganz stimmen …

    • 2 ClayMan 05/01/2010 um 09:27

      da bin ich ganz deiner Meinung. Ich finde es witzig, in diesem Kontext Uwe Boll zu nennen. Ein Gast, der auf keiner „Goldene Himbeere“ Party fehlen darf. Es ist in jedem Fall schade, die Qualität eines Filmes an der Finanzleistung der Geldgeber und vor allem an der Prozessorleistung der Computer im Hintergrund zu messen.

    • 3 kinderkaffee 15/01/2010 um 01:42

      Avatar – dümmlicher „Pocahontas“ für 3-D Fetischisten

      http://freidemzen.wordpress.com/2010/01/15/avatar-%E2%80%93-seichter-%E2%80%9Epocahontas%E2%80%9C-fur-3-d-fetischisten/

      Avatar ist ein pervertierter Superlativ. „Das Teuerste“, „das Größte“, „das Neuste“ Schmierentheater! Denn wo offenbar mit der visuellen Ästhetik geprotzt wurde, hat man am Drehbuch/Inhalt mächtig gespart. Seicht-dröge Action- Liebesgeschichte im Alien-Gewand, zwischen Pocahontas und banal.

      Da fragt man sich nur, warum müssen moderne Blockbuster eigentlich immer so unsäglich dümmlich sein. In Zukunft – schlage ich vor – die Dialoge zu behalten und beim nächsten Filmvorhaben, marginal verändert, wieder zu verwenden. Wahlweise in ein amerikanisches Romeo-und-Julia-Ghetto gepackt oder in ein Historienepos versetzt. Da spart man sich das lästige „Rumgeschreibe“ und kann gleich mit dem Animieren beginnen. Da kann groß „VOM MACHER VON TITANIC“ und „MIT DER GESCHICHTE UND DEN DIALOGEN AUS AVATAR“ geworben werden.

    • 4 Nikita Bondarew 15/01/2010 um 02:34

      Dieser Film war ja so unsäglich dämlich, da hätte man, wenn man schon so viel Geld für die Grafik verpulvert, ein bisschen wenigstens in die Geschichte stecken können und die Botschaft war banal und ausgelutscht – absolut Hirnfrei!

      Glückauf

  2. 5 ClayMan 15/01/2010 um 16:30

    Danke meine Freunde, ihr spreht mir aus der Seele!


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